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Geopolitik 1990/1991

 

Die Erledigung des Bolschewismus

von David Hartstein / In Studien von Zeitfragen 8/1991

  

 Der Oberste Sowjet hat am 29. August die Tätigkeit der Kommunistischen Partei auf dem gesamten Gebiet der Sowjetunion untersagt. Anti-Kommunismus, aggressive Haltung oder freiheitlicher Vorbehalt gegen Aura und Ausbreitung des Bolschewismus seit dem ersten Weltkrieg, kann nun mit Genugtuung frohlocken: der nationalrussische Aufstand hat mit den obersten Funktionären der sowjetischen Union auch gleich die KPdSU erledigt.

 Ein der Saat der Demokratie in Rußland entsprossener Wille hat damit auch die Wurzel jenes Widerspruchs ausgerissen, der von Anfang an Lenins Staat und Revolution verwüstet hat. Es war der Widerspruch zwischen verfaßter Freiheit, die allein einem Gemeinwesen naturrechtliche und republikanische Legitimation verleihen kann, und dem Produkt einer historischen Konjunktur im November 1917, als es den Bolschewiki mit einer Mehrheit im Petersburger Sowjet gelang, sich in den Besitz der Macht zu bringen und sie zu behalten.

  Der Widerspruch, der dem gewöhnlichen Antikommunismus so unbewußt blieb wie dem Bolschewismus, rührt her von jenem Tag, da die neuen Machthaber die Konstituierende Versammlung auflösten und auseinanderjagten.

 »Trotzki schließt aus der speziellen Untauglichkeit der im Oktober zusammengetretenen Konstituierenden Versammlung auf die Überflüssigkeit jeder Konstituierenden Versammlung, ja, er verallgemeinert sie zu der Untauglichkeit jeder aus den allgemeinen Volkswahlen hervorgegangenen Volksvertretung während der Revolution überhaupt«, schrieb damals Rosa Luxemburg zu Trotzkis Rechtfertigung dieses freiheitsfeindlichen Gewaltaktes.

 Von nun an widerfuhr Lenins und Trotzkis Partei die »Perestrojka« von der entschlossensten Partei im Kampf des Volkes gegen Autokratie und Oligarchie des Zarenstaates in eine neue Oligarchie im Zarenstaate ohne eine andere Legitimation als der des bolschewistischen Glaubensgefüges.

 Vorstellungen klassendynamischer Ingenieurskunst verblendeten fortan die revolutionäre Politik der Partei. Schon ein Jahr später hatten sie ihre tragisch prägenden Auswirkungen in der deutschen Revolution. Die bolschewistische Aura und Propaganda ergriff den revolutionären Flügel der deutschen Sozialdemokratie und hintertrieb die Konstituierung von Freiheit und Republik in Deutschland auf den Schultern einer einigen Arbeiterschaft, nicht nur im Gefolge der Novemberrevolution, sondern immer dann, wenn im Namen des Kommunismus revolutionäre Willenskräfte im deutschen Volk frei wurden.

  Mit allen von ihr ins Leben gerufenen und ihr auf Gedeih und Verderb folgenden Parteien, Bewegungen und Mitläufern hat die KPdSU in der Sowjetunion wie anderswo nie etwas anderes bewirkt als die Verhinderung von Bürgertum. Sie war – weltweit – nichts anderes als ein Widerstand gegen die Entstehung von freien und gleichen Bürgern, was eine logische wie geschichtliche Bedingung für die Entstehung und Bildung freier Arbeiter genauso wie für die Grundlegung freier Arbeit ist.

 Die KPdSU maßte sich an, auch die Führung über die revolutionare Arbeiterbewegung weltweit zu übernehmen, deren Entstehungsgründe und -bedingungen sowohl vom Bund der Kommunisten 1848 als auch vom Spartakusbund ganz anders beschrieben worden sind:

 »Der Bund ist keine Partei, die über der Arbeitermasse oder durch die Arbeitermasse zur Herrschaft gelangen will. Er ist nur der zielbewußteste Teil des Proletariats, der die ganze breite Masse der Arbeiterschaft bei jedem Schritt auf ihre geschichtlichen Aufgaben hinweist, der in jedem Einzelstadium der Revolution das sozialistische Endziel und in allen nationalen Fragen die Interessen der proletarischen Weltrevolution vertritt.« Hinzufügen ist: Zeigt sich die Masse der Arbeiterschaft (und das ist immer ihre Mehrheit) jener geschichtlichen Aufgabe nicht bewußt und gewachsen, kann kein theoretischer noch praktischer Behelf dieses oder jenes angestrebte Ziel an Stelle der Arbeiterklasse erreichen.

 Das Frohlocken über die Erledigung der KPdSU bereitet manch einem Sozialisten Bauchgrimmen. So auch Peter von Oertzen, der dem schrecklichen Irrtum der Bolschewiki eine sinnvolle Deutung abzugewinnen versucht:

 »Er (der Leninsche Kommunismus) war eine Entwicklungsstrategie für unterentwickelte Länder und hat sich als Vorbild fur die Arbeiterbewegung der Welt verstanden....Dieses Modell ist erledigt, ein für allemal.«

 Auch dies ein Irrtum: Lenins Partei hat nach dem Ende des Bürgerkrieges gar keine »Entwicklungsstrategie« gehabt. Entwicklung in der Sowjetunion mußte und konnte auf dem aufbauen, was während des kurzen Wirkens von Graf Sergej Witte geschaffen oder in Gang gesetzt worden war. Da diese Grundlage jedoch nicht ausreichte, wucherte in den 20er und 30er Jahren das politisch-ökonomische System der primitiven sozialistischen Akkumulation, dessen mörderische Folgen die Negation des natürlichen Zweckes von Wirtschaft: menschliche Reproduktion bewirkten.

 Niemals war diese Form der Akkumulation ein Modell für die »dritte Welt«. Von Oertzens »revolutionärer Sozialismus« wird, wenn er seinem Wesen nach auf menschliche Entwicklung gerichtet ist, von den Erkenntnissen Friedrich Lists lernen müssen. Er wird auch die Einsicht Wittes verarbeiten müssen, daß »die Unruhe des Unternehmergeistes« als schöpferische Triebkraft wahrgenommen werden muß, wenn die Befreiung der Arbeit sich auch auf ihre eigenen Ergebnisse gründen soll.