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Historisch-politische Aufklärung – gesamtdeutsch

Von Arno Klönne / In Studien von Zeitfragen 8/1991

 

 Die Problemlage, die sich gegenwartig im Verhältnis von »Alt-Bundesrepublik« und neuen Bundesländern auf der Ebene der gesellschaftlichen Realität und auf der Ebene sozialer und politischer Mentalität vorfindet, wird vielfach als »Ungleichzeitigkeit« der Entwicklung in beiden deutschen Teilgesellschaften gedeutet, und zwar so, daß die Menschen in der ehemaligen DDR sich nun »verspätet« und »nachholend« auf ein Niveau ökonomischer Effektivität, arbeitsgesellschaftlicher Qualifizierung und Differenzierung sowie politischer Partizipation hinbewegen, das in der Geschichte der Alt-Bundesrepublik schon seit langem erreicht war. Versteht man die Situation so, dann läge die Aufgabe gesellschaftspolitischer Aufklärung in diesem Zusammenhang im wesentlichen darin, in den neuen Bundesländern »Nachhilfe« zu leisten und in der Alt-Bundesrepublik »sozial-integrativ« für die Bereitschaft zu sorgen, die »Verspäteten« zu akzeptieren und den Nachholvorgang zu finanzieren. Die eben genannte Deutung der Problemlage trifft aber in wichtigen Punkten nicht den Sachverhalt.

 Historisch-politische Aufklärung in den neuen Bundesländern, jedenfalls in weiten Teilen der »Erwachsenenwelt«, wird davon ausgehen müssen, daß Lebensgeschichte vielfach als unwiderruflich »gebrochen« erscheint, als Handlungszusammenhang, der gesellschaftshistorisch keinen Sinn macht; »Bildungsinteresse« kann am ehesten dort sich entwickeln, wo diese Erfahrung des Scheiterns ernstgenommen und der Versuch gemacht wird, die Bedingungen zu identifizieren, die den geschichtlichen Rahmen für das persönliche Leben in der DDR setzten – wobei der kritische Blick hier auch den »Westen« und Westdeutschland nicht ausklammern darf. Zugespitzt: War möglicherweise die (amEnde als sinnlos erfahrene und die Chancen ungleich verteilende) Separation der DDR die Bedingung für den raschen Aufstieg der separaten Alt-Bundesrepublik? Ging es vielen Westdeutschen in der Nachkriegszeit so bald so gut, eben weil der andere Teil Deutschlands »abgehängt« war?

 Auch die jüngere Generation in den neuen Bundesländern wird, soweit sie nicht in (begrenzten) florierenden Wirtschaftszweigen ihren Platz findet, auf lange Sicht von der Ungleichheit materieller Chancen in Deutschland-Ost und Deutschland-West betroffen sein. Die »soziale Frage« wird also längerfristig die Realität und deren Wahrnehmung in den neuen Bundesländern sehr viel stärker bestimmen als heute in der Alt-Bundesrepublik (wo sie längst nicht obsolet ist). In erhöhtem Maße verbindet sich damit auch das Risiko, daß soziale Problemlagen ideologisch umgebogen werden in ethnische oder nationale Abgrenzungen (»Fremdenfeindlichkeit« etc.). Politische Aufklärung in den neuen Bundesländern täte gut daran, angesichts dessen nicht nur rechtsextremen Ideologieangeboten entgegenzuarbeiten, sondern mehr noch den gesellschaftsstrukturellen Hintergrund der neuen Anfälligkeit fur Ethnozentrismus, Nationalismus usw. zum Thema zu machen.

 In den neuen Bundesländern gibt es inzwischen keine euphorischen Gefühle für die neugewonnene Demokratie mehr, sondern teils Ernüchterung (die nicht schaden muß), teils Politikverdrossenheit, die verständlich, aber kontraproduktiv ist. Verdrießliche oder apathische Stimmungen gegenüber dem Politiksystem breiten sich aber auch in der Alt-Bundesrepublik aus; hinzu kommt, daß »Individualisierung« eben auch Privatisierung sein kann. Politische Bildung unter gesamtdeutschen Bedingungen hat also ein Publikum anzusprechen, das in seiner Mehrheit keineswegs begierig ist, sich mit politischen Fragen auseinanderzusetzen.

 Weit wirkungsvoller als jegliche Aufklärungspädagogik zur stärkeren Partizipation dürfte hier sein, Politikverdrossenheit in ihren Motiven zum Thema zu machen, also diejenigen ernstzunehmen, die sich tendenziell politisch absentieren. Diese Thematisierung vermag auch vor westdeutscher Anmaßung in Sachen Politiksystem zu schützen – und vor den begreiflicherweise negativen ostdeutschen Reaktionen darauf. Demokratie als Lernprozeß ist keineswegs ein Thema, das nur die neuen Bundesländer betrifft; je deutlicher dies herausgestellt wird, desto eher ist Interesse zu erwarten.

 Die Wiederherstellung der nationalstaatlichen Einheit Deutschlands hat – so könnte es scheinen – die Hypotheken der Fehlwege deutscher Geschichte getilgt«; die vereinte Bundesrepublik Deutschland steht heute, trotz aller sozialen Probleme, in ihrem wirtschaftlichen Status gesicherter da als irgendein anderes europäisches Land gleicher Größenordnung, und sie weist weniger innere Krisenhaftigkeit auf als die USA, von der UdSSR ganz zu schweigen. Der »Verliererstaat« des Zweiten Weltkrieges also als der spätere, friedliche »Sieger«? Eindrücke und Gefühle dieser Art unter den Deutschen können nicht nur neuen Chauvinismus fördern, sie können auch, gewissermaßen harmloser, aber dennoch höchst fragwürdig, bewußtseinsmäßig zum »Egozentrismus« führen.

 Demgegenüber hat politische Aufklärung die Aufgabe, deutschen Egozentrismus thematisch aufzubrechen, was auch heißt: Selbst die sozialen Probleme im »einigen«, aber doch ungleichen Deutschland sind nicht die Hauptproblempunkte, mit denen es Politik heute zu tun hat; im Mittelpunkt politischer Information sollte deshalb der »Blick nach draußen« stehen, und die Frage, welche Konsequenzen der Problemdruck »draußen« in der deutschen Politik und Wirtschaft erfordert.