
»Bellizisten« von Arno Klönne & Klaus Vack / In Studien von Zeitfragen 3/1991 Der Golfkrieg hat dazu geführt, daß in der Bundesrepublik eine ganze Reihe von links her kommender Intellektueller die Friedensbewegung heftig kritisiert und sich in einer sehr
prinzipiellen Weise mit der US-amerikanischen Regierungspolitik identifiziert hat. Hier wurde zumeist – anders als bei Wolf Biermann – die Entscheidung fur den Krieg am Golf auf seiten der USA und ihrer Verbundeten von denjenigen, die nun die Friedensbewegung als ihren Feind ausmachten, nicht etwa als nicht mehr zu vermeidender, aber dem Interesse Israels denn noch nutzlicher, zugleich wiederum für die Menschen in Kuweit und im Irak und darüberhinaus nicht nur im Nahen Osten
scheußlicher Akt historisch-politischer »Verstrickung« interpretiert, sondern als Schritt hin zu einem neuen »Universalismus« sogenannter zivilgesellschaftlicher Normen, deren Durchsetzung den Einsatz der Kriegsmaschinerie legitimiere. Praktizierte Kriegsfähigkeit der »zivilisierten« Mächte, so sagten sie, stelle die Bedingungen einer neuen »Weltfriedensordnung« her. Wer so denkt, weiB in aller Welt
Freund und Feind reinlich zu unterscheiden, und die Feinderklärung an die Friedensbewegung ist als logischer Schritt psychologischer Kriegsführung zu erkennen: Wer gegen den Krieg und die Kriegsführung des »freien Teils« der Welt protestiert, kann nur ein »Feigling« oder ein »Verräter« sein (W. Pohrt) oder ist »nicht normal« (so der Generalinspekteur der Bundeswehr). Soweit die neue Philosophie des Welt-Krieges für die »Weltzivilgesellschaft« sich auf linke Herkünfte berief,
brauchte sie logischerweise Argumente für die Aburteilung der Kriegsgegner, die sich auf linke Werte berufen: Die Friedensbewegung in Deutschland sei durch »Judenhaß« motiviert, sie wolle »Rache für die deutsche Niederlage 1945 nehmen« und sie ergreife Partei fur den »neuen Hitler«. Wer die Protestbewegung gegen den Krieg am Golf in ihrer
Realität wahrgenommen hat, weiB, daß dies Fehlurteile sind; er weiB dies auch dann, wenn er mit den politischen Vorstellungen und Forderungen, die sich in diesem Protest zu Wort meldeten, keineswegs übereinstimmt. Die konservativen Kritiker der Friedensbewegung haben diese denn auch zumeist sehr viel eher in ihrer wirklichen inneren Verfassung zur Kenntnis genommen als die von links her kommenden Polemiker, und die meisten konservativen Kommentatoren haben sich nicht zu
jenem Imperativ verstiegen, den die »Bellizisten« linker Herkunft verkündeten: »Ohne Wenn und Aber« müsse die von General Schwarzkopf angefuhrte »Strafaktion« gutgeheiBen werden. In der angelsächsischen intellektuellen Öffentlichkeit (übrigens auch in der israelischen) war auch dort, wo von rechts her die Entscheidungen der Regierung der USA im Golf-Konflikt als richtig gedeutet wurden, eine so prinzipielle, »geschichtsmetaphysische« Rehabilitierung des Krieges, wie sie
der links arrivierte deutsche Intellektuelle Enzensberger anbot, nirgendwo vertreten. Bemerkenswert und höchst problematisch ist die abstrahierende Sichtweise und politische Sprache, mit der die von links her kommenden Kritiker der Friedensbewegung und Befürworter des Golf-Krieges ihre Standpunkte formulierten. Hier präsentierte sich eine politische Philosophie, in der die
Lebens-Bedürfnisse der Menschen entweder in den zweiten Rang verwiesen werden oder um der eigenen Idee von »Weltordnung« willen gar nicht mehr in den Blick kommen. Das gilt für die Menschen, die sich wahrhaftig ja nicht nur in Deutschland gegen den Krieg engagierten und weitaus mehr noch für die Menschen, die der Krieg zu Tode brachte oder ins Elend stürzte. »Bellizisten«, die die »Pazifisten« für feige, verräterisch oder bestenfalls naiv halten; schon die
Begrifflichkeit – die selbstgewählte – verdräingt, daß es nicht um Optionen im Konflikt politischer Philosophie geht, nicht um den Kampf von Weltanschauungen, sondern um eine Realität, in der hunderttausende von Menschen ihr Leben verlieren, wobei freilich die Risiken ungleich verteilt sind, denn aufseiten der Mächte, denen der »Bellizismus« guten Mut zuspricht, sind die »militärischen Sanktionen« kaum noch mit »menschlichen Kosten« verbunden; anders ist es auf der Seite, die zum
Gegenstand solcher »Bellizismen« wird. Nur als Beispiel: Die Rede von der »Zwangsabrüstung des Saddam Hussein« verdeckt personalisierend den Charakter des Krieges am Golf; Saddam Hussein war der einzige Mensch (und zugleich »Unmensch«), der darin gedanklich vorkam und »linke Bellizisten«, die gegen die »Angstrhetorik« und den »Friedensdusel« der Kriegsgegner zu Felde ziehen, ordnen sich sprachpolitisch in jene Informationsstrategie ein, die bei diesem
Krieg in bisher nicht gekannter Weise darauf hinauslief, in den westlichen Lindern jede Einsicht in die menschenzerstörerische Realität des Krieges zu verhindern.  |